Annabel Müller beim Start des TOR450 – Tor des Glaciers 2026 in Courmayeur

Wenn Funktionieren zum Problem wird

Solange die Anforderungen innerhalb dessen liegen, was ein System noch kompensieren kann, fällt eine geschwächte Basis kaum auf. Die Rechnung kommt ausgerechnet dann, wenn die große Chance kommt und Spitzenleistung gefragt ist.

Genau das habe ich in den vergangenen Jahren auch getan.

Ich hatte immer weiter auf mein Ziel trainiert – und dabei nach und nach die Voraussetzungen vernachlässigt, die mich überhaupt in die Lage versetzen, dieses Ziel zu erreichen.

Bemerkt habe ich es erst, als ich genau diese Voraussetzungen dringend gebraucht hätte.

Viel getan – und trotzdem etwas Entscheidendes vernachlässigt

Mein Ziel war der Tor des Glaciers: rund 450 Kilometer und 32.000 Höhenmeter durch das Aostatal, weitgehend unmarkiert, technisch anspruchsvoll und mit einem Zeitlimit von 190 Stunden. Kein klassischer Ultratrail, sondern ein Rennen durch hochalpines Gelände, über Gletscher und technisch anspruchsvolle Passagen, in denen nicht nur Ausdauer zählt. Der Großteil der Strecke ist in Eigennavigation zu bewältigen.

2025 scheiterte mein erster Versuch an der anspruchsvollen Cut-off in Donnas bei etwa Kilometer 220. Beim zweiten Anlauf wollte ich es besser machen.

Und vieles hatte ich besser gemacht.

Ich hatte viel trainiert, Kilometer und Höhenmeter gesammelt und kannte inzwischen nahezu die gesamte Strecke. Im Sommer besichtigte ich die mir noch unbekannten Abschnitte und nutzte die Tage gleichzeitig als Trainingscamp. Für die Akklimatisation vor dem Rennen nahm ich mir diesmal fast zwei Wochen Zeit auf rund 2.200 Metern Höhe.

„She’s a beast“, sagte Thierry, der Physiotherapeuten, bei einem Besuch in Mailand. Er hatte mir bei meinem ersten Tor des Géants 2019 geholfen. 2023, 2024 und 2025 war ich ebenfalls vor den großen Rennen stets bei ihm. Er meinte, ich sei wesentlich fitter als im Vorjahr und auch mental stärker.

Wie ein „Beast“ fühlte ich mich nicht. Aber ich war zufrieden.

Was ich dabei ausgeblendet hatte, lag viel weiter zurück.

Nachdem ich den Tor des Géants 2023 fast 20 Stunden schneller beendet hatte als bei meinem ersten Finish 2019, brauchte mein Körper lange, um sich davon zu erholen. Ähnlich war es nach meinem ersten Tor des Glaciers 2025.

Bei der Passage du Grand Neyron – einer hochalpinen, ausgesetzten Passage mit Klettersteig, dicken Ketten und anschließendem Geröll- und Blockgelände – hatte ich nachts und bei feuchten Bedingungen enorm viel Kraft gelassen.

Nach dem Col de la Fricolla, der mir zuvor nicht als derart technischer und steiler Pass bekannt war, kam ich leicht paralysiert am nächsten Rifugio an.
Als mein Mann Björn meinte, es könne knapp werden mit der Zeit, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: „Ich muss das erfolgreich beenden, denn ich kann diese gefährlichen Abschnitte auf keinen Fall ein zweites Mal bestreiten.“ Ich gab noch einmal einige Stunden alles, bis klar war, dass es nicht reichen würde.

So hatten mich 200 Kilometer Tor des Glaciers 2025 mindestens so viel Kraft und Substanz gekostet wie mein sehr erfolgreiches Finish beim Tor des Géants 2023.

Bis ich wieder vollständig ins Training einsteigen konnte, war ein Teil des Winters vorbei. Gesundheitliche Unterbrechungen kamen hinzu. Der Tor des Glaciers rückte näher.

Also konzentrierte ich mich zunehmend auf das, was für dieses Ziel am offensichtlichsten erschien:

Ich lief. Ich sammelte Höhenmeter. Ich trainierte meine Ausdauer.

Auch ein Testrennen zeigte mir, dass ich konditionell durchaus dort war, wo ich für ein 450-Kilometer-Rennen sein wollte. Selbst Intervalle funktionierten, obwohl sich mein linker Oberschenkel zunehmend meldete. Also ließ ich die Intervalle weg.

Da die Beschwerden vor allem nach steilen Abschnitten auftraten, war meine Schlussfolgerung: Offenbar hatte ich zu wenig im steilen Gelände trainiert.

Also lief ich mehr steile Berge.

Mit physiotherapeutischer Unterstützung bekam ich die Beschwerden so weit in den Griff, dass ich weitertrainieren konnte.

Rückblickend war es die falsche Antwort. Denn nicht das fehlende Training im steilen Gelände war das eigentliche Problem. Die Basis, die diese Belastung hätte tragen müssen, war nicht mehr ausreichend vorhanden.

Nur bemerkte ich lange nicht, was mein Körper längst ausglich. Der Körper kompensiert automatisch: Er verlagert Belastung auf andere Strukturen – oft so lange und so unauffällig, dass wir die Veränderung erst als Problem erkennen, wenn es wehtut.

Annabel Müller unterwegs beim Tor des Glaciers 2026

Was unbemerkt verloren ging

Über Jahre waren bei mir Krafttraining, Stabilisation und funktionelles Training immer weiter in den Hintergrund gerückt. Insbesondere meine Hüftstabilität war längst nicht mehr dort, wo sie einmal gewesen war.

Der 2020 bei einer Operation refixierte rechte hintere Oberschenkelmuskel blieb immer wieder ein Thema. Rückblickend war das offensichtlich nicht das einzige Problem, auch wenn sich vieles darauf fokussierte.

Nach einem Sturz im Dezember 2021 hatte meine Hüfte auf entsprechendes Training immer wieder mit Beschwerden reagiert, obwohl ich bei dem Sturz gar nicht auf die Hüfte gefallen war. Also hatte ich dieses Training zunehmend gemieden. Rückblickend war das ein weiteres Zeichen dafür, dass im System etwas nicht mehr stimmte.

Das Problem war nicht, dass meine Leistungsfähigkeit im Training sichtbar sank. Im Gegenteil: Sie war noch immer gut genug, um die Schwäche darunter zu verdecken.

Bei der Passage du Grand Neyron – einer hochalpinen, ausgesetzten Passage mit Klettersteig, dicken Ketten und anschließendem Geröll- und Blockgelände – hatte ich nachts und bei feuchten Bedingungen enorm viel Kraft gelassen.

Nach dem Col de la Fricolla, der mir zuvor nicht als derart technischer und steiler Pass bekannt war, kam ich leicht paralysiert am nächsten Rifugio an.
Als mein Mann Björn meinte, es könne knapp werden mit der Zeit, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: „Ich muss das erfolgreich beenden, denn ich kann diese gefährlichen Abschnitte auf keinen Fall ein zweites Mal bestreiten.“ Ich gab noch einmal einige Stunden alles, bis klar war, dass es nicht reichen würde.

So hatten mich 200 Kilometer Tor des Glaciers 2025 mindestens so viel Kraft und Substanz gekostet wie mein sehr erfolgreiches Finish beim Tor des Géants 2023.

Bis ich wieder vollständig ins Training einsteigen konnte, war ein Teil des Winters vorbei. Gesundheitliche Unterbrechungen kamen hinzu. Der Tor des Glaciers rückte näher.

Also konzentrierte ich mich zunehmend auf das, was für dieses Ziel am offensichtlichsten erschien:

Ich lief. Ich sammelte Höhenmeter. Ich trainierte meine Ausdauer.

Auch ein Testrennen zeigte mir, dass ich konditionell durchaus dort war, wo ich für ein 450-Kilometer-Rennen sein wollte. Selbst Intervalle funktionierten, obwohl sich mein linker Oberschenkel zunehmend meldete. Also ließ ich die Intervalle weg.

Da die Beschwerden vor allem nach steilen Abschnitten auftraten, war meine Schlussfolgerung: Offenbar hatte ich zu wenig im steilen Gelände trainiert.

Also lief ich mehr steile Berge.

Mit physiotherapeutischer Unterstützung bekam ich die Beschwerden so weit in den Griff, dass ich weitertrainieren konnte.

Rückblickend war es die falsche Antwort. Denn nicht das fehlende Training im steilen Gelände war das eigentliche Problem. Die Basis, die diese Belastung hätte tragen müssen, war nicht mehr ausreichend vorhanden.

Jede einzelne Entscheidung kann vernünftig wirken, während ihre Summe irgendwann zum Problem wird.

Ich zehrte von einer Basis, die ich über viele Jahre aufgebaut hatte. Solange mein Körper kompensieren konnte, bemerkte ich nicht, wie viel davon ich inzwischen voraussetzte, ohne noch ausreichend daran zu arbeiten.

Reparieren ist nicht dasselbe wie Aufbauen

Die Warnzeichen kamen nicht erst beim Rennen.

Meine Hüfte machte immer wieder Probleme, mein Becken geriet aus dem Gleichgewicht und während der Streckenbesichtigung kamen Beschwerden im linken Oberschenkel hinzu.

Ich ließ behandeln, machte Übungen und arbeitete an der Beckenposition. Vor der Streckenbesichtigung war das Becken wieder gerade, trotzdem entstanden neue Beschwerden. Später geriet es erneut aus dem Gleichgewicht und während der Akklimatisation investierte ich wieder viel Zeit darin, die Situation zu korrigieren.

Zu spät.

Eine Dysbalance kurzfristig zu korrigieren, bedeutet nicht, dass der Körper auch gelernt hat, unter den veränderten Bedingungen stabil zu funktionieren.

Wenn die Chance zur Verpflichtung wird

Ich versuchte im Sommer gerade zu biegen, was ich im Winter hätte aufbauen müssen.

Wäre es also nicht sinnvoller gewesen, mit dem nächsten Start noch ein Jahr zu warten?

Annabel Müller kurz vor dem Start des Tor des Glaciers 2026

Im Rückblick klingt das vernünftig.

Doch stellen Sie sich vor, ein Kunde bietet Ihrem Unternehmen genau den Auftrag an, auf den Sie lange hingearbeitet haben. Sagen Sie ihm: „Das ist eine großartige Chance. Aber kommen Sie doch nächstes Jahr wieder“?

Vermutlich nicht.

Denn Sie wissen nicht, ob dieser Auftrag dann noch existiert. Ob ein Wettbewerber schneller ist. Ob sich die Rahmenbedingungen verändern.

Die Anmeldung für den Tor des Glaciers öffnet im März, die wenigen Startplätze sind innerhalb kürzester Zeit vergeben. Zu diesem Zeitpunkt liegt das Rennen noch ein halbes Jahr entfernt.

Mit der Anmeldung passierte etwas Entscheidendes: Der Termin stand. Das Ziel stand. Zeit, Geld und Energie waren investiert. Von diesem Moment an richtete sich mein Blick einzig darauf, im September Glaciers-fit zu sein.

War es ein Fehler, sich anzumelden? Jein. Denn die Lösung kann schließlich nicht darin bestehen, jede große Chance auszuschlagen, bis irgendwann alles perfekt ist.

Aber genau deshalb braucht es zwischen den Chancen die Zeit, sich um die Basis zu kümmern. Um Strukturen. Um Prozesse. Um Konflikte. Um Regeneration. Um all die Dinge, die selten dringend erscheinen, solange das System noch funktioniert.

Die Basis muss vorhanden sein, um darauf aufbauen zu können. Denn wenn die Gelegenheit kommt, haben wir häufig weder die Zeit noch die Bereitschaft, erst einmal grundlegend aufzuräumen.

Kompensation ist keine Stabilität

Während der Akklimatisation kamen erstmals ernsthafte Zweifel. Ich war ungewöhnlich müde, fühlte mich schwach und die Schmerzen am oberen linken Oberschenkel verschwanden nicht – obwohl ich nur kurze, einfache Wanderungen machte.

Als sich mein Befinden auch unter diesen geringen Belastungen nicht besserte, gab ich meinem Körper Ruhe. Mehr als kurze Spaziergänge in der Ebene, einfache Yoga- und Ausgleichsübungen machte ich nicht – und manchmal auch gar nichts.

Physiotherapeutische Unterstützung von Thierry Gerbore vor dem Tor des Glaciers 2026

Am Start waren die Probleme noch da. Ich lief dennoch los. Denn nicht jedes schlechte Gefühl vor einem Ultra bedeutet, dass etwas nicht funktioniert. Manche Beschwerden vor einem großen und wichtigen Rennen verschwinden mit dem Startschuss. So lautete auch die Einschätzung von Thierry, der diesmal leider nicht helfen konnte.

Und zunächst funktionierte es – wie so oft, wenn etwas funktionieren muss.

Im langen Abstieg nach Cogne, der zweiten Life Base bei rund Kilometer 160, blockierte schließlich mein rechtes Knie. Ich konnte das rechte Bein im Gefälle nicht mehr beugen. Diese rechte Seite hatte mir in einem Rennen noch nie ernsthaft Probleme bereitet.

Ein Osteopath in der Life Base brachte wieder Bewegung hinein. Ich konnte wieder schmerzfrei normal gehen. Er meinte, ich solle es versuchen. Also ging ich weiter.Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass ich gerade ganz typische Symptome eines Runner’s Knee erlebte. Damit hatte ich mich in all den 18 Jahren, die ich inzwischen lief, nie beschäftigen müssen.

Ich kühlte, lockerte die Muskulatur und probierte aus, was noch möglich war. Ein Allgemeinarzt an einer der Verpflegungsstationen untersuchte das Bein und vermutete ebenfalls ein muskuläres Problem. Er empfahl mir, eine Paracetamol gegen die Schmerzen zu nehmen.

Kurz zuvor war ich mit dem rechten Fuß unerwartet tiefer gelandet. Vielleicht, so meine Hoffnung, hatte die Bewegung etwas an der biomechanischen Situation verändert. Als es im nächsten Downhill besser war, wollte ich so sehr glauben, dass sich etwas gelöst hatte. Denn in meinem Kopf existierte noch immer die Möglichkeit, dieses Rennen zu finishen.

Deshalb nahm ich auch noch den Col de la Fricolla in Angriff und blendete dabei aus, was mich dort erwartete.

Im steilen Anstieg über große Steinsbrocken zeigte sich etwas, das ich heute besonders interessant finde: Ich konnte noch Leistung bringen.

Den Anstieg bewältigte ich in rund drei Stunden – eineinhalb Stunden schneller als 2025. Das System funktionierte also noch. Allerdings nicht mehr vollständig.

Beim ersten Schritt bergab blockierte das Knie erneut.

Im oberen, stark ausgesetzten Teil ging es nur noch darum, mit dem kaum funktionierenden Bein sicher vom Berg herunterzukommen. Jeder Schritt musste sitzen. Erst weiter unten konnte ich versuchen, wieder Tempo zu machen.

Ich humpelte so schnell, wie ich nur humpeln konnte. Ich arbeitete mit den Stöcken, konzentrierte mich auf jeden Schritt und holte aus dem, was noch funktionierte, alles heraus.

Und trotzdem brauchte ich zeitweise 33 bis 35 Minuten für einen Kilometer.

Dazu kam der Schlafmangel: Die erste Nacht lief ich durch. In der zweiten und dritten Nacht hatte ich jeweils etwa 30 Minuten geschlafen. In der vierten Nacht, zu diesem Zeitpunkt, noch gar nicht.

Der technisch anspruchsvolle Abstieg schien nicht mehr zu enden. Ich hatte das Gefühl, immer wieder die gleichen Schleifen zu laufen, während sich die Strecke in Wirklichkeit an den Falten und Rinnen des Berges entlangzog.

Beim Blick auf die Uhr konnte ich kaum glauben, wie lange ich für die letzten Kilometer gebraucht hatte.

An diesem Punkt stellte sich allerdings nicht die Frage, ob ich weitermachen wollte.

Im Rückblick frage ich mich selbst, wie ich diesen Abschnitt in dieser Situation überhaupt noch bewältigen konnte. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste von diesem Berg herunter.

Zudem hatte ich noch Kraft, ich hatte noch Willen – nur keine Antwort mehr auf die Frage, was mein Problem lösen könnte.

Leistungsfähigkeit ist nicht dasselbe wie Belastbarkeit.

Mein Tor des Glaciers endete nicht deshalb, weil ich zu wenig für mein Ziel getan hatte.

Ich hatte sehr viel für mein Ziel getan.

Aber über längere Zeit zu wenig für die Voraussetzungen, die mich überhaupt in die Lage versetzen sollten, dieses Ziel zu erreichen.

Das ist ein Unterschied.

Und vielleicht lohnt es sich deshalb gerade dann genauer hinzusehen, wenn scheinbar alles noch funktioniert.

Schwächen sichtbar machen!